Der Muschelschal – von Instagram und Gruppenzwang

Ich liebe Instagram. Wirklich. Als mein Sohn geboren wurde und ich ewige Stunden stillend im Sessel saß, entdeckte ich Instagram für mich und begann, wie wild durch anderer Leute Strickprojekte zu stöbern. Das macht Spaß, in all seiner Einfachheit. Natürlich habe ich selbst auch gepostet, was ich so stricke und mache, und genau wie dieser Blog sucht auch meine Instagrampräsenz noch, was sie genau sein will. Mit der Zeit ergeben sich Schwerpunkte, so ist das eben, das ist auch gut so und für Doktoranden der Geisteswissenschaften (wie mich) so ungefähr das vertrauteste Gefühl, dass es geben kann. Erst mit der Zeit weiß man so richtig, was und wohin man will.

Ich wusste allerdings die meiste Zeit, was ich nicht will – auch in der Diss, aber vor allem auf Instagram. Ich holte mir vielerlei Inspirationen für kommende Strickprojekte oder änderte den Kurs von bereits auf den Nadeln befindlichen, aber eine Sache, die alle posteten, wollte ich nicht stricken: Ich nenne es den Muschelschal.

Allerorten posten enthusiastische Strickerinnen ihre angeschlagenen Tücher oder Shawls, die sich, wenn fertig, einmal in sich selbst einigeln, halbkreisförmig werden und für mich aussehen wie Muscheln. Gepostet wird, sobald die erste leichte Krümmung zu sehen ist. Die Dinger sind hübsch, keine Frage, aber ich fand den Enthusiasmus in seiner Gänze nicht nachvollziehbar und den Muschelschal als solchen fand ich auch irgendwie, naja, seltsam. Ich stelle ihn mir immernoch umgehängt etwas lappig vor und vermute, dass er nur liegend und zum Instagramfoto ausgebreitet so richtig zur Geltung kommt.

Aber. (Natürlich gibt es ein Aber.) Erstens gibt es ja so’ne und solche Muschelschals und manche sind muscheliger als andere. Letztere gefallen mir eigentlich ganz gut. Zweitens ist Instagram natürlich ein Gruppenmedium – ich spüre zumindest immer wieder Instacliquen auf, zu denen man natürlich schrecklich gern auch selbst gehören will, aber es handelt sich immer um BFFs, die jeweils 5000 Follower haben und das ist ein weiter Weg. Sei’s drum. Gruppen jedenfalls entwickeln eine Eigendynamik, das weiß jeder, und Wahrnehmung verändert sich. Ich folge einer französischen Strickliesel, die immer wieder einen Solaris Shawl anschlägt, einen nach dem anderen, wie’s scheint, sich beim Tragen des Tuchs fotografiert und immer so weiter. Ihre Tücher sind schön. Und mit der Zeit hätte man auch ganz gerne selbst so eins…

Ja, und so fand ich mich neulich auf Ravelry, kaufte Mairlynd das Solaris Shawl Muster ab und schlug an. Plötzlich war ich ganz eifrig bei der Sache und unglücklich, als ich alles nochmal aufribbeln musste, weil ich, wie das Maschenbild ergab, eine falsche Nadelstärke gewählt hatte. Ein Solaris ist aber am Ende ein wirklich großes Tuch und da soll alles stimmen. Nun bin ich selbst in der Position, ein Bild zu posten, das eine erste, muschelförmig anmutende Krümmung zeigt:

image

Was soll ich sagen, ich freue mich auf den fertigen Schal und werde meine Fortschritte genauso posten, wie alle, die ich mit ihren Posts immer komisch fand. Macht aber gar nichts, so ist das mit Geschmäckern, die ändern sich nun mal gelegentlich und manchmal auch durch #gruppenzwang. Man geht mit Trends und freut sich dran 🙂

 

Diesen Beitrag verlinke ich auf Maschenfein: Auf den Nadeln Februar.

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Ein Gedanke zu “Der Muschelschal – von Instagram und Gruppenzwang

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