Neues aus Neurotica

Neurosen – sie sind mit uns, sie sind in uns, viel häufiger, als Leute es zugeben oder selbst bennen können. Ich bin da keine Ausnahme, das steht außer Frage. Zum Beispiel kann ich es nicht leiden, wenn jemand sich gegen den Strich über die Augenbrauen streicht. Oder wenn mein Freund mit der Straßenhose auf dem Bett sitzt. Oder wenn Geschirr nicht genau an seinem Platz im Schrank gestellt wird, an den es gehört.

Wir erinnern uns an die Fernsehserie Friends, die eine gewisse Monica Geller enthält – eine Figur, die einen Putzfimmel hat, also hochneurotisch ist. Ich sehe mich in vielen Dingen in ihr wieder, wenn ich auch nicht den großen Staubsauger wie sie von außen mit dem Handstaubsauger reinige und enthusiastisch-verzweifelt sage: „I wish there was a smaller one to clean this one with“… 🙂

Man nennt Neurosen gerne Macken, was sich deutlich niedlicher anhört, oder Ticks, wo schon ein gewisser, für alle beteiligten nerviger Zwang durchscheint. Neurose ist meinem Empfinden nach aber das bessere Wort – hört sich klinisch an, aber der jeweilige Zustand fühlt sich eben auch klinisch an.

Ich weiß nicht, wie es anderen liebenswert neurotischen Menschen geht, aber ich werde zu Hause damit aufgezogen. Es werden sich vor meinen Augen kess die Augenbrauen zur Nase hin gerieben oder ich werde zitiert, wenn ich selber einmal die Schranktür auflasse: „Katharina, das macht mich ganz nervös, wenn du immer die Türen auflässt.“ Haha. Ja, es macht mich in der Tat nervös – kribbelig, zappelig, unruhig – wenn die Türen offen stehen oder die Tagesdecke auf links auf dem Bett liegt. Wenn bei Freunden die Klorolle so rum hängt, dass das Papier zur Wand hin abrollt anstatt zum Zimmer, drehe ich sie um. Ich halte es nicht aus; sie muss anders herum hängen.

Beim Warten auf den Bus oder wann immer mein Blick auf einem Schriftzug verharrt, teile ich die Buchstaben durch 3. Sollte ein Rest übrig bleiben, zähle ich i-Punkte und Kommas mit, in der Hoffnung, dass es dann aufgeht. Es ist ein altes Argument, dass diese ganzen Ticks den Menschen einzigartig und liebenswert machen und da mag vieles dran sein. Doch manchmal wünschte ich, mir wären diese Dinge egal und ich würde nicht jedes Mal, wenn ich mit dem Baby im Stillsessel sitze, die Buchstaben auf dem Ausstellungsdruck zählen, der mir großformatig gegenüber hängt. Und gleichzeitig kommt mir eine Welt, in der man sich nicht um die falsch herum hängende Klorolle schert, schlichtweg sinnlos vor. Das kann ja nichts werden mit der Menschheit, wenn man sich nicht an die einfachsten, den Dingen innewohnenden Regeln hält.

Wundersamerweise bleibt das Stricken von jeglichem Zwang befreit. Kein abergläubisches Ritual. Kein Teilen der Maschen durch 3. Kein gar nichts. Nur klickerklacker, klickerklacker, Film dabei gucken oder nicht, auch egal, Masche für Masche mich freuen über die freien Minuten und das wachsende Strickstück.

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