Ein paar Worte zur Entspannung

Wir leben in hektischen Zeiten. Wohin wir auch gehen, wir sehen auf die Uhr, sind schnell gereizt, genervt, bauen Unfälle, weil wir auf unsere Smartphones starren, und laden abends Frust und Ballast beim Partner ab, was wiederum die regenerative Funktion des Zuhauses und der Familie behindert. Wir arbeiten im Akkord, müssen vermeintlich alles sein: Geschäftsfrau, mehrfache Mutter, gute Köchin, Sockenstrickerin, loyale Freundin und natürlich attraktive und sinnliche Partnerin. All das wollen wir sein, weil wir denken, wir müssten es sein, und diejenigen, die so aussehen (social media und Fitnessstudio sei dank), als bekämen sie all das mit links hin, so sehr bewundern und natürlich maßlos beneiden.

Wie früher auf dem Schulhof wollen wir alle nur dazugehören – zu einer Gruppe, von der wir annehmen, sie existierte. So ganz sicher ist sich da niemand, aber bloß nicht zu sehr hinterfragen, denn dann müsste man ja alles hinterfragen und, autsch, das ist gerade nicht drin.

Allein, wo bleibt die Entspannung? Gesundheitsrisiken, Herzrasen, eine kriselnde Partnerschaft, Falten, diese anhaltenden Spannungskopfschmerzen – alles scheint mit Entspannung zu bekämpfen zu sein, wenn man dem Rat der Ärzte glauben mag. Wie oft habe ich in den vergangenen Jahren in Behandlungszimmern den Satz gehört: „Haben Sie zur Zeit viel Stress?“ Ähm, ja klar, aber auch nicht mehr als sonst. Wer, bitte, hat denn keinen Stress? Und hat man eine Wahl?

Eine gute Freundin von mir plante einmal, mich bei einem beruflichen Auslandsaufenthalt zu besuchen. Als ich ihr Monate vorher sagte, ich wisse nicht, wie ich es zeitlich organisieren könne, sie zu beherbergen und bewirten und meine Arbeit vor Ort zu erledigen, war sie verständlicherweise enttäuscht und brachte ein interessantes Argument vor. Sie sei, sagte sie, auf diese Reise einfach angewiesen, weil sie bei der Arbeit solchen Stress habe und raus müsse, die Akkus aufladen. Ich erwiderte, dass ich aber zum Arbeiten in der Ferne sei und dort nur wenig und schlecht planbare Freizeit haben würde, doch ihr Argument blieb bestehen. Es sei zu spät, ein anderes Ziel zu buchen, denn all ihre Freundinnen seien mittlerweile mit Urlaubsplänen eingedeckt und ihr Urlaub könne nicht verschoben werden. Dieser Urlaub, der für mich ja gar keiner war, sei für sie absolut unabdingbar, wenn sie die nächsten Monate auf der Arbeit durchhalten wolle. Ich argumentierte, dass sie doch auch alleine verreisen oder schlicht zu Hause bleiben könne. Sie wohnt in einer Gegend mit wunderbarer Landschaft und Wanderwegen. Ich für meinen Teil kann mich im Alleinsein immer gut entspannen und finde auch Urlaub in der eigenen Stadt mal schön, wenn man endlich diese oder jene Ausstellung ansehen oder ein neues Restaurant ausprobieren kann. Doch sie war untröstlich.

Mich befremdete ihre Argumentation, denn ich war nie davon ausgegangen, dass man nur im Verreiseurlaub entspannen könne. Das scheint mir ein Luxusproblem und zu guten Teilen hausgemacht. Anscheinend war der Gedanke, dass nur am Meer oder beim Städtetrip die Entspannung winkte, von ihr selbst in Kopf und Körper verankert worden. Ich bin in meiner Kindheit genau zweimal mit meiner Mutter zur Ostsee gefahren und das war’s. Urlaub war nicht drin. Wir hatten wenig Geld, bei Klassenfahrten war ich oft auf Zuschuss aus der Klassenkasse angewiesen und die Sommerferien verbrachten mein Bruder und ich im Freibad oder bei den Großeltern. Doch das störte mich nicht so sehr. Ich konnte meine Sommerferien immer genießen und sie auch als Zeit wahrnehmen, die im angenehmen Gegensatz zum Alltag stand. Ich hielt den Gedanken meiner Freundin, dass es zur Ruhe der Ferne bedurfte also schlicht für nicht nachvollziehbar. – Wollen wir uns denn, unsere Gesundheit und Lebensfreude, von finanziellem Wohlstand abhängig machen?

An dieser Stelle muss ich ausholen. Einst verbrachte ich zu Forschungszwecken einen Sommer in New York City. Zweimal die Woche nahm ich an einer großen Veranstaltung teil und machte Yoga im Bryant Park, unweit des Times Square. Times Square, das ist bekanntlich mitten in Manhattan, kein schöner Platz, aber berühmt und laut und reizüberflutend. Entsprechend ist die Geräuschkulisse, auch noch im Bryant Park. Zudem machen Touristen währen der Yogastunde Fotos der Yogis auf der Wiese, die Yogalehrerin spricht zu den sieben- oder achthundert Teilnehmern über Lautsprecher. Und trotzdem herrscht Ruhe. „Everybody is responsible for the space around them,“ sagte die Lehrerin. Jeder sei für den ihn unmittelbar umgebenden Raum verantwortlich. Wir können anderen Menschen in der U-Bahn, auf der Straße oder bei der Arbeit nicht ihre Hektik oder schlechte Laune nehmen, aber wir können unseren eigenen Raum mit positiveren Dingen, wie Ruhe und Gelassenheit, Freude und Dankbarkeit, füllen.

Auf der Yogawiese ist es von den Straßen her laut, aber vor allem auch eng. Wir lagen Matte an Matte und nur am jeweiligen Kopf- und Fußende fand sich gerade genug Platz für Schuhe und Tasche. „Welcome your neighbor into your space.“ Hier und da stießen die Yogis aneinander, aber niemand störte sich daran, man lachte und hieß den anderen willkommen. Omm.

In jenem New Yorker Sommer hat mich nichts so sehr entspannt, wie die Yogastunden im Freien. Ich bin dorthin gefahren, wo es am lautesten ist, und habe die größte Ruhe gefunden. Mit dem Rücken auf der Wiese zu liegen und mit hunderten anderen den Atem in die verschiedenen Körperteile zu schicken, waren derart friedliche Momente – den Blick in den Wolkenkratzern, Menschen und Baulärm und Straßenverkehr als wohlige Kulisse. Wenn ich mich heute gestresst oder unwohl fühle, träume ich mich zurück auf diese Wiese an der 41. Straße. Ja, es war laut, aber in mir war es ruhig. Der Lärm gehört zu Manhattan und ich war in Manhattan und ich lag an einem wunderschönen Ort auf einer Wiese mit netten Menschen, die sich für den von ihnen eingenommenen Raum verantwortlich fühlten und es in Ordnung fanden, wenn unsere Arme sich bei der Figur des Kriegers berührten.

Mein Sommer in New York hat mich vieles gelehrt, aber vor allem dieses: Die Entspannung muss von innen kommen. Das sagt sich so leicht. Dieses Kunststück, die Entspannung aus sich selbst hervorzuzaubern, verlangt viel Übung, Gelassenheit, Selbstliebe und Vertrauen. Aber die Wahrheit ist doch: Wer sich nicht zu Hause, in Alltag, Familie, Beruf, Freundeskreis, im Alleinsein, beim Essen oder Krimigucken entspannen kann, der kann sich schlichtweg nicht entspannen. Punkt, aus.

Die teuren Urlaube und fernen Ziele sind toll, aber nur um ihrer selbst willen. Wenn ich unbedingt einmal Argentinien besuchen möchte, dann sollte ich darauf sparen und diese große und besondere Reise genießen, dort aber keine Heilung vom Alltagsstress erwarten. Die Reise muss aus Entdeckerlust entstehen, nicht aus dem Gefühl, mit dem Rücken zur Wand zu stehen, jeden Moment zusammen zu klappen und dem Alltag entfliehen zu müssen. Als ich in New York inmitten des Lärms Frieden und innere Ruhe spürte, war ich ohne Erwartungshaltung an die Stadt und das ferne Land getreten. Viele Dinge waren während dieser Wochen wenig förderlich für Ruhe und Entspannung, wie etwa der Kampf gegen Kakerlaken in der Airbnb-Wohnung. Aber New York schuldete mir doch nichts. Es war mein Privileg, dort zu sein, diese Reise machen zu dürfen, die meine Mutter mir nie hätte finanzieren können. Ich erwartete nicht, dass plötzlich Stress von mir abfallen würde, und natürlich war dies die beste Voraussetzung dafür, dass genau das eintreten sollte.

Die Ruhe, die wir suchen, schlummert in uns, sonst nirgends. Mit diesem zugegebenermaßen nach Kalenderspruch anmutenden Motto müssen wir Platitüden wie „die Akkus wieder aufladen,“ „auftanken,“ „die Seele baumeln lassen,“ und „einfach mal rauskommen“ ersetzen. Wer in Platitüden denkt, lebt auch in solchen. Die Linguisten Lakoff und Johnson haben in den Achtzigern gezeigt, dass wir so, wie wir reden, auch denken. Mit anderen Worten, wer sich nur in vorgefertigten und ausgenudelten Phrasen ausdrückt, erlebt auch nur Vorgefertigtes und Ausgenudeltes. Wenn ich mich aber in meinen Worten ausdrücke, erlebe ich mich. Wenn ich Ruhe brauche, muss ich sie bei mir suchen.

Clueso singt: „Bleib einfach hier und lern, dich umzusehen,“ und genau so müssen wir es machen. Neue Orte, Gerüche, Geschmäcker, die allesamt die Sinne anregen, Ideen und Kreativität und nicht zuletzt Zufriedenheit fördern, können wir immer auch um die Ecke, im eigenen Stadtteil finden, wenn wir nur mal genau hinsehen. Oder nutzt den Urlaub, um auszumisten und Ballast abzuwerfen, den Kopf frei zu bekommen und freier atmen zu können!

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