Vom Stricken und Muttersein

Geständnisse zur Wochenmitte. – Während ich so die letzten Wochen hindurch verschiedenen Strickblogs gefolgt bin, habe ich erst so richtig verstanden, dass ganz viele Bloggerinnen erst vor wenigen Jahren zum Stricken gefunden haben. Anders bei mir, denn ich stricke beinahe immer schon. Ich muss 6 oder 7 gewesen sein, als ich anfing, und habe auch in all den Jahren nie so wirklich aufgehört. Allerdings hat sich dennoch etwas an meinem Strickverhalten und -bedürfnis geändert und davon möchte ich heute erzählen.

Ich habe einen kleinen Sohn, der knappe anderthalb Jahre alt ist. Und ich muss sagen, das Muttersein hat mich verändert. Überraschend? Kaum. Allerdings überrascht es mich, auf welche Weise ich mich verändert habe.

Ich promoviere in US-amerikanischer Literatur, was großen Spaß macht und auf seine Art sehr kreativ ist. Früher war ich eine krankhaft ehrgeizige Studentin. Das sage ich nicht gerne und es war keine schöne Zeit, aber ich habe mich nunmal haltlos überarbeitet und sowas hinterlässt Spuren. Nach dem Studium hatte ich beträchtliche Erschöpfungszustände, die auch mein Privatleben neu organisiert haben. Das klingt dramatisch, aber viele Veränderungen, die eintraten, haben mein Leben sicherlich schöner gemacht. In all den Jahren hat mir das Stricken Ruhepausen verschafft und mich ein bißchen meditieren lassen, was ohne Strickzeug in der Hand nicht ganz so mein Ding wäre.

Ich habe mich allerdings immer über meine akademische Arbeit definiert – nicht nur nach außen, sondern vor allem auch nach innen. Wenn ich mein Arbeitspensum geschafft und eine 1,0 in einer Hausarbeit bekommen habe, war ich mir auch viel Wert. Und über einen gewissen Zeitraum habe ich wahrscheinlich eher das Leben meiner Romanhelden (und der Gilmore Girls) gelebt, als mein eigenes.

Jetzt, mit Kind, hat sich natürlich vieles verändert, aber ich habe nicht damit gerechnet, dass sich der Stellenwert meiner akademischen Arbeit und damit ja auch mein ganzes Selbstverständnis derart ändern würde. Meine Arbeit macht mir immer noch sehr viel Spaß und wenn ich meinen Studenten Gedichtanalyse beibringe (das kann nämlich Spaß machen!!), geht mein Herz auf. Und doch ich möchte nicht mehr die beste sein, sondern vielmehr für mich das beste machen, was in der Zeit, die ich habe, möglich ist. Das ist für mich ist es eine große Erkenntnis. Und ich muss sagen, dass es sich gut anfühlt, die Zügel zu lockern.

Woher der Wandel? Naja. Mit der Mutterschaft kam der Schlafmangel, was lesen und schreiben, also Recherche und Dissertation, erschwert. Kreative Arbeit hingegen geht auch, wenn man müde ist, wie ich feststellen durfte. Und noch dazu wurde Zeit für mich immer rarer und wertvoller. Was ich seit der Geburt meines Sohnes mache, sobald ich eine freie Minute habe, ist stricken. Ich habe auch vorher schon viel gestrickt, aber jetzt stricke ich täglich. Wenn möglich, mehrmals, und wirklich in jeder freien Minute. Ebenso blogge ich, seit er auf der Welt ist, bin viel informierter und plane einen schöneren, eigenen Blog mit (Daumen drücken!) Shop. Seit vielen Monaten schreibe ich auch wieder an meiner Doktorarbeit und kann kaum sagen, wie schön es war, wie aufgeregt und zappelig und glücklich ich war, als ich mich zum ersten Mal wieder an meine Diss gesetzt habe. Und dennoch bin ich nicht mehr so verkniffen. Mein Glück liegt nicht mehr in der akademischen Arbeit allein. Ich habe jetzt meine kleine Familie, die kommt natürlich an erster Stelle. Und direkt danach kommt meine Kreativität, die ich so gut es geht in jeden Tag integriere – als Gegengewicht zum kinderbezogenen Gerenne, das wunderbar, aber auch ermüdend und energieraubend ist.

Mit Kind muss man irgenwie anders auf sich achten, scheint mir. In meinem Fall bedeutet das, weniger zu krampfen und mehr zu stricken. Das Stricken hält mich im Gleichgewicht. Es macht mich gelassen und froh, gibt mir Kraft und ist Zeit, die ich für mich aufbringe (auch wenn ich für andere stricke). Es macht mich ebenso froh, auf Instagram zu sehen, was Ihr anderen alle strickt und welche tollen Ideen in der Strickwelt herumgeistern. So viele talentierte Leute! Ich knüpfe hier und da zarte Kontakte und freue mich riesig daran.

Stricken hilft und heilt, verbindet und gleicht aus. Es ist nicht übertrieben, wenn ich sage, dass das Stricken mir hilft, meinen Alltag zu bewältigen. Etwas in den Händen zu halten und mit den Händen zu schaffen ist in meinem „neuen“ Alltag als Mama irgendwie einfach angesagter als Raumtheorien und Konstruktionen des Selbst – wobei… hierin treffen sich auch beide Welten 😉

Stricken macht ruhig, glücklich, ist meditativ und verankert mich im Jetzt. – Hätte ich doch früher in der Uni täglich gestrickt… Doch man muss seine Wege gehen, die Extreme erleben, um seine Mitte(l) zu finden.

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4 Gedanken zu “Vom Stricken und Muttersein

  1. Vielen Dank für deinen offenen Beitrag! Jetzt würde ich ja zu gern wissen, ob du auch einen Buchblog hast…
    Ich habe meinen gemischten Blog (Bücher und Patchwork) aufgegeben, denn gerade im Kreativbereich hat mich das Vergleichen mit anderen Kreativen, Angst zu kopieren oder kopiert zu werden, und der Anspruch, regelmäßig gut zu bloggen, gebremst. Seit ich wieder in meinen Notizbüchern kritzel und meine Ideen mit Nadel und Faden umsetze, aber nicht teile, bin ich wieder kreativer. Empfindest du auch das Bloggen als Entspannung ? Kannst du deinen Ehrgeiz dort „ausstellen“?
    Ich wünsche dir für dein privates Leben und deinen Shop alles Gute!
    Liebe Grüße, Frauke

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    1. Liebe Frauke,
      vielen Dank!
      Nein, das Bloggen empfinde ich nicht als Druck oder Wettbewerb oder so, das ist tatsächlich sehr entspannend. …Obwohl ich natürlich rasend gern so einen tollen und gut laufenden Blog hätte, wie ich ihn bei manchen sehe 😉 Anfangs war dies hier als Blog für alles Mögliche gedacht (daher auch der Name, der nicht unbedingt aufs Stricken schließen lässt). Das hat dann für mich aber nicht so hingehauen. Mir fehlt auch die Muße für einen Buchblog, weil ich es genieße, mich nicht mehr immer mit Büchern zu befassen. Ich liebe sie immer noch sehr, erkenne mich aber mittlerweile als mehr, denn „nur“ die Leserin und Übers-Gelesene-Schreiberin, die ich früher (in meinem Kopf) war. Allerdings kan ich mir vorstellen, dass das Thema Buchblog nach der Diss. deutlich an Attraktivität gewinnen könnte!
      Danke für Deine Teilhabe und liebe Grüße,
      Katharina

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