Berlin vorher – nachher …

Ich habe hier kürzlich schon einmal anklingen lassen, dass ich es liebe, auszumisten. Bei uns ist es keineswegs immer ordentlich, aber wenn aufgeräumt ist, freue ich mich jedesmal sehr und spüre, wie ich mich freier und wohliger fühle. Fräulein Ordnungs Blog ist daher einer, dem ich gerne und interessiert folge. – Ich weiß in der Tat nicht, wie ich über die Weihnachtstage komme, ohne ihren wöchentlichen Beitrag zum Ordnungsdonnerstag zu lesen, denn zwischen den Jahren macht sie, wie ich das sehe, frei, was ja auch völlig richtig ist. Auch die Zeitplanung will eben ordentlich sein, besonders, wenn es um Zeit mit der Familie geht.

Dieser Tage habe ich unseren Badezimmerschrank ausgemistet und aufgeräumt und ich kann Euch nicht sagen, wie viele Döschen, Fläschchen und alte Medikamente ich da raus getragen habe… Haargummis, die keiner will, fast leere Flaschen Hustensaft von vor zwei Jahren, das war so die Größenordnung. Wenn ich jetzt die Schranktür öffne, freue ich mich jedes Mal, dass es sooo ordentlich ist und bin auch immer wieder zunächst überrascht, weil der Anblick wirklich ein ganz anderer ist, als vorher. Hätte ich das gewusst, hätte ich vorher – nachher Bilder gemacht und Euch gezeigt.

Kurz nach meiner Aufräumerei ist in Berlin, nur sehr wenige Ubahnstationen von mir entfernt, der Anschlag auf den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche verübt worden. Ich habe jahrelang als Studentin genau gegenüber der Unfallstelle gearbeitet. Wenn ich jetzt die Bilder im Fernsehen sehe, kann ich den Ort kaum erkennen. Es hat ewig gedauert, bis ich verstanden habe, aus welcher Richtung der LKW kam – so sehr klaffen meine Rückansicht der Kirche mit den Fernsehübertragungen auseinander. Ich kann mir nicht vorstellen, jetzt am Zoo auszusteigen und einen Ort des Elends zu sehen. Das Vorher – nachher klappt noch nicht. Ich kenne den Ort so, so gut und kann mir das alles nicht vorstellen.

Gestern habe ich erfahren, dass meine ehemalige Kommilitonin Fabrizia vermisst wird. Ihr Handy und ihre Monatskarte wurden am Unglücksort gefunden, ihre Familie kann sie nicht erreichen, sie ist nicht zur Arbeit erschienen und jetzt kommt ihr Vater aus Italien nach Berlin, um DNA-Abgleiche zu machen. Ich habe Fabrizia während meiner Schwangerschaft das letzte Mal gesehen, was also ein paar Tage her ist, aber wer hätte denn damals geglaubt, dass eine von uns nach einem Anschlag in Berlin als vermisst gelten würde! Das ist noch eine ganz andere Dimension des Vorher – nachher…

Gestern abend habe ich gefühlte Ewigkeiten lang Kleinstgeld gezählt und gerollt, damit es endlich von unserem Wohnzimmertisch verschwinden und zur Bank gebracht werden kann. Natürlich habe ich die Zeit verflucht, die ich damit zugebracht habe, konnte das Zählen und Rollen aber nicht lassen. Schaffe ich zu Hause Ordnung, um die unfassbare Unordnung der Welt zu vergessen?

Ich kann nicht aufhören, an Fabrizias Vater zu denken. Er kommt nach Berlin, weil er das schlimmste vermutet. Das ist der größte Horror. Der arme Mann. Plötzlich sind die Anschläge gar nicht mehr so weit weg. Paris war nah, Berlin ist näher, Bekanntenkreis ist noch näher.

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