Vom Neinsagen

Ein fröhlich-montägliches Hallo in die Runde!

Heute gibt es bei mir keinen Blick auf meine Nadeln, da alle Projekte der vergangenen Wochen noch auf ihnen schlummern. Meine Strickjacke nach Lotildas Anleitung wächst, aber dazu die Tage mehr. Die vergangenen Tage waren zudem stricktechnisch eher von Stagnation geprägt, da ich für meinen Sohn eine Clownsweste zu Fasching stricken wollte, mich aber derart an der bunten und leider sehr starren Glitzerwolle abgearbeitet habe, dass ich gestern resignieren musste. Heute wird also was gekauft. Eine Dokumentation der Anläufe zum Clownskostüm erspare ich Euch an dieser Stelle lieber… und ich selbst möchte das auch nicht noch einmal durchleben, wenn Ihr versteht.

Ich sage also Nein und finde mich damit ab, sage wiederum Ja zum Kaufkostüm. So ist es eben manchmal. Mit dem Nein habe ich allerdings des öfteren so meine Problemchen, so wie neulich:

Unsere Nachbarin ist gestorben. Das ist schade. Der Grund ihres Ablebens ist mir unklar, jedoch haben sie und ihr Mann wirklich keinen gesunden Lebenswandel geführt. Viel Alkohol und viele Zigaretten. Sie waren vernarrt in unseren Sohn, doch sind wir uns, lebenswandelbedingt, eher selten im Treppenhaus begegnet.

Nun klingelt der Witwer häufiger an unserer Tür und hat Kuscheltiere an unser Kind zu verschenken, die in der Nachbarwohnung offenbar Jaaahre auf dem Sofa gefristet haben und entsprechend zig Wäschen benötigen, ehe der kalte Zigarettengestank weicht. Die Kuscheltierannahme und -verwaltung haben wir, die Eltern, allerdings entspannt im Griff. Auch einen Bademantel seiner Frau hat der Nachbar mir schon geschenkt, der so gut wie ungetragen und sehr neu war, daher problemlos bei Oxfam abgegeben werden konnte. Doch letzte Woche kam eine neue Dimension der nachbarschaftlichen Spenden hinzu, als mir eine Jacke der Frau angeboten wurde.

Während wir in der offenen Tür mit dem Nachbarn sprachen, waberte der wirklich dolle Gestank aus der Nachbarwohnung herüber und ich, benebelt und überrumpelt, wusste nicht, wie ich die mir angebotene Jacke ablehnen sollte. Sie war so unfassbar scheußlich, uralt, in irgendeinem Jahrzehnt auf Vintage gemacht, mit gruseligen Farben und völlig ohne Schnitt. Vom Gestank mal ganz zu schweigen. Zunächst dachte ich, es sei eine Männerjacke, verstand dann aber, dass dieser schrecklich stinkende Lappen eine Gabe an mich sein sollte.

In meiner nervigen Gutmenschenart wusste ich nicht, wie ich ablehnen soll. Man hätte natürlich sagen können: „Ach, Herr X, das ist sehr nett, aber wissen Sie, ich habe schon so viele Jacken… blablabla“ oder „Herr X, das ist nicht so mein Stil, trotzdem vielen Dank“ – oder einfach: „Nein, danke.“ Von allen Antworten, die mir im Universum zur Verfügung standen, musste ich allerdings erstmal zurücktreten und überlegen, ob ich einfach annehmen und die Jacke sofort wegwerfen soll, einfach um der Situation zu entkommen. Dann die schnelle Erkenntnis: Oh Gott, dann bringt er ja immer mehr Klamotten rüber, die ich allesamt ungesehen wirklich überhaupt gar nicht haben will. Meine unfassbar blöde Antwort lautete also, unfähig, den Mann zu kränken: „Soll ich sie mal anprobieren?“

Ich lache mich heute schief über mich, hatte das Angebot aber überhaupt nicht kommen sehen und war daher sozial irgendwie gelähmt. Passiert mir leider manchmal. (So wie damals, als ein zu stark parfümierter Mann meine Wohnung für das Doppelte untermieten und mir eine Reise nach Paris schenken wollte, und ich nicht intervenierte, als er die Flüge schon telefonisch mit seiner Sekretärin absprach, aber das ist eine andere Geschichte.) Da stand ich also in meinem Flur, die Jacke in der Hand, vom Bügel, angezogen, sah in den Spiegel und wollte unbedingt ein Foto machen. Ging aber nicht, weil: nett sein. Der stinkende Lappen war derart grotesk in allen Kategorien, dass ich zu sagen wage: Sowas habt Ihr noch nicht gesehen und solch modische Häßlichkeit konnte ich mir nicht vorstellen! Die Schulterpolster standen gut und gerne 15 cm seitlich über das Zelt, was mir ein gutes Argument gegen die Jacke schien.

Ich also: „Oh, Herr X, gucken Sie mal, die ist mir leider viel zu groß.“

Er, überrascht: „Zu groß?“

Ich: „Ja, komisch, Ihre Frau war doch so klein. Aber naja, hmm, nee, die passt wirklich nicht so richtig. Aber danke trotzdem.“

Der enttäuschte Nachbar nahm die Jacke zurück und verabschiedete sich langsam. Derweil stand mein Freund mit Kind auf dem Arm die ganze Zeit neben mir, still und in Horror aufgelöst, und rannte, sobald die Tür geschlossen war, los, um uns Händedesinfektionsmittel zu holen. Meinen Pulli wurde ich gedrängt, umgehend in die Wäsche zu tun und die nächste halbe Stunde wurde an mir geschnüffelt, ob ich jetzt nach Nachbars stinke. Tat ich wohl nicht. Glück gehabt.

Memo an mich selbst: Nächstes Mal Nein sagen. Einfach: Nein, danke. Und wenn man ablehnt und jemand gekränkt ist, dann ist das so und dieser Jemand wird es überleben.

Andererseits bin ich mir selbst auch für die Geschichte und das Lehrstück im Neinsagen dankbar, denn ich muss wirklich herzlich über mich selbst lachen, was gut tut. And when you hit rock bottom, the only way is up.

Tips fürs umschweiflose Ablehnen von Angeboten gerne in den Kommentaren. Oder Geschichten von gescheiterten Versuchen.

Habt eine schöne Woche und steckt Eure Grenzen immer fein ab, denn das ist nicht egoistisch (merken!), sondern ehrlich und letztlich respektvoll.

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